Taurin

Taurin

Taurin, erstmals 1827 aus der Galle von Ochsen isoliert, wurde ursprünglich “Gallen-Aspirin” genannt. Die Bezeichnung Taurin leitet sich aus dem lateinischen Begriff für Stiergalle Fel taurin bzw. aus dem griechischen Wort tauros für Stier ab.

Taurin (ß-Aminosulfonsäure) ist ein Abbauprodukt von Cystein, einer schwefelhaltigen Aminosäure und gilt chemisch nicht als echte Aminosäure. Ihr fehlt die für Aminosäuren typische Carboxylgruppe (COO), stattdessen besitzt Taurin eine Schwefelgruppe. Aus diesem Grund ist Taurin nicht an der Eiweisssynthese im Körper beteiligt, sondern liegt im Organismus in freier, ungebundener Form vor.
Beim Hund beträgt der Taurinanteil der freien Aminosäuren beispielsweise im Herzmuskel ca. 40 %.
Nachfolgend wird Taurin dennoch – wie in der allgemeinen Literatur üblich – als Aminosäure bezeichnet.

Taurin kommt im Körper aller Tierarten vor. In Pflanzen wurde Taurin bisher nur in der Kaktusfeige (Opuntia ficus-indica) sicher nachgewiesen. Das Vorkommen von Taurin in allen tierischen Körperzellen weist auf die breitgestreute Bedeutung dieser Aminosäure hin. Die Netzhautdegeneration der Katze war z.B. das erste klinische Syndrom, das auf Taurinmangel zurückgeführt wurde.

Für Katzen stellt Taurin eine essentielle Aminosäure dar und muss mit dem Futter ergänzt werden. Es ist für die Katzen lebensnotwendig und kann nicht – bzw. nur geringfügig und in nicht ausreichendem Masse – vom Körper selbst gebildet werden. Im Gegensatz zu Katzen sind Hunde zwar zur Eigensynthese von Taurin in der Lage, jedoch wird dem Taurin bei dieser Tierart – wie aus einigen wissenschaftlichen Studien hervorgeht – mittlerweile eine semi-essentielle Bedeutung zugesprochen: Die wissenschaftliche Forschung vermutet einen Zusammenhang zwischen Taurinmangel und einer bei Hunden häufig auftretenden Herzerkrankung, der sog. dilatativen Kardiomyopathie (DCM).

In der menschlichen Ernährung ist Taurin im Zusammenhang mit den “Energy-Drinks” (z.B. Red Bull) als deren Hauptbestandteil – neben Koffein und Zucker – bekannt. Es soll aufgrund seines Einflusses auf das Zentralnervensystem als Energiestimulanz wirken. Dieser Effekt ist jedoch nicht wissenschaftlich belegt.

Vorkommen

Taurin kommt in allen tierischen Produkten und in der Kaktusfeige vor. Besonders hohe Konzentrationen befinden sich im Muschelfleisch, Thunfisch und Austern. Unter den Säugetieren weisen Mäuse sehr hohe Taurinkonzentrationen auf! Auch Ratten mit einem Tauringehalt von 0,15% des gesamten Körpergewichtes sind taurinreich. Ebenso enthalten Muskelfleisch (Schwein, Rind, Lamm, Huhn) und insbesondere Herz hohe Taurinkonzentrationen.

Obwohl der Stoffwechsel der Hunde zur Synthese von Taurin aus Cystein (Aminosäure, die reichlich in allen tierischen Produkten vorkommt) in der Lage ist, wird ein Taurinmangel als Ursache für die DCM bei Hunden angenommen.

Stoffwechsel

Taurin wird entweder direkt mit der Nahrung aufgenommen oder aber in der Leber über Cystein zu Taurin abgebaut.

Für die Fettverdauung erfolgt in der Leber die Konjugation (Anlagerung) von Taurin (oder auch Glyzin) an primäre Gallensäuren (Cholsäuren) zu Taurocholsäure bzw. Glykocholsäure. Diese Säuren werden nach Zwischenspeicherung in der Gallenblase (nicht beim Pferd) in den Dünndarm abgegeben. Bakterielle Prozesse im Darm bewirken beispielsweise bei der Taurocholsäure die Abspaltung von Taurin, das über den sog. enterohepatischen Kreislauf mit den Gallensäuren rückresorbiert wird. Ein Grossteil dieser taurinhaltigen Gallensäuren wird allerdings bei Säugetieren sowohl über die Galle mit dem Kot als auch über die Nieren mit dem Urin ausgeschieden.

Besonders starke Taurinanreicherungen befinden sich im Herzen, in der Retina des Auges (Netzhaut), in der Skelettmuskulatur und im Gehirn. Auch in den Blutplättchen und in den weissen Blutkörperchen sowie im Zentralnervensystem ist die Taurinkonzentration hoch.

Katzen zeigen im Vergleich zu Hunden stoffwechselbedingte Besonderheiten: Sie bilden Gallensalze ausschliesslich mit Taurin und können nicht – wie die meisten anderen Tierarten (u.a. auch Hunde) – im Falle eines Taurinmangels Glyzin für die Gallensäuren-Konjugation heranziehen. Ausserdem ist ihre Fähigkeit zur Taurinsynthese eingeschränkt: Das für die Taurinbildung wesentliche Enzym, die sog. CSA-Decarboxylase, kommt bei Katzen nur in geringen Konzentrationen vor. Folglich haben Katzen einen höheren Taurinbedarf als z.B. Hunde, die bei reduzierter Taurinzufuhr über die Nahrung die Gallensäure-Konjugation auf Glyzin umstellen können. Ausserdem besitzen Katzen einen weniger effizienten enterohepatischen Kreislauf als Hunde. Sie müssen die durch Kotausscheidung entstehenden Taurinverluste vermehrt mit der Nahrung ausgleichen. Die Taurinsynthese ist generell von Vitamin B6 als Coenzym für die CSA-Decarboxylase abhängig, es muss also ausreichend vorhanden sein.

Funktion

Taurin weist eine Vielzahl bedeutender Stoffwechselfunktionen im Körper auf:

  • Taurin hat eine herzstärkende Wirkung, indem es die Calcium- und Kaliumhomöostase (Gleichgewicht) der Herzmuskelzellen reguliert und dadurch die Kontraktionsfähigkeit des Herzens beeinflusst
  • Es stabilisiert das Membranpotential der Zellen und wirkt somit unterstützend auf alle Zellfunktionen
  • Taurin hat eine positive Wirkung auf die Photorezeptorzellen und stabilisiert die Netzhaut des Auges
  • Taurin spielt eine zentrale Rolle in der Osmoregulation und damit im Wasserhaushalt des Körpers
  • Es schützt vor toxischen Substanzen und fördert die Entgiftung
  • Auch entzündungshemmende Effekte sind für Taurin bekannt, sowohl bzgl. der inneren Organe als auch der Haut; Taurin schützt die Epidermis und fördert die Wundheilung
  • Taurin ermöglicht die Fettverdauung durch Konjugation mit Gallensäuren

Bedarf und Mangelerscheinungen

Können Hunde- und Katzenhalter sicher sein, dass ihre Tiere bedarfsgerecht mit Taurin versorgt werden – und zwar sowohl bei Fütterung mit kommerziellem Tierfutter als auch beim Barfen?

Ein genauer Blick auf den Tauringehalt der kommerziellen Nass- und Trockenfuttersorten kann für Verwirrung sorgen. Kommerziellen Hundefuttern wird kein Taurin zugesetzt, da von einer ausreichenden Eigensynthesefähigkeit der Hunde ausgegangen wird. Vielleicht ein eklatanter Irrtum?

Der bei Katzen relativ hohe Taurinbedarf (im Vergleich zu Hunden und anderen Säugetieren) ist allgemein bekannt. Die Gründe liegen in den genannten Stoffwechselgegebenheiten: Limitierte Synthesefähigkeit von Taurin, Gallensäure-Konjugation ausschliesslich über Taurin und vergleichsweise ineffiziente Rückgewinnung von Taurin über den enterohepatischen Kreislauf.

Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Katzen, die Feuchtfutter erhalten, einen wesentlich höheren Taurinbedarf haben als mit Trockenfutter ernährte Katzen. Grund hierfür soll die schlechtere Bioverfügbarkeit von Taurin im Nassfutter durch den Verarbeitungsprozess sein. Taurin zersetzt sich erst bei 300˚C. Beim Erhitzen von Dosenfutter wird allerdings die sog. Maillard-Reaktion aktiviert: Aminverbindungen (wie Aminosäuren, Peptide und Proteine) unterliegen einer nichtenzymatischen Umwandlung in neue Verbindungen unter Hitzeeinwirkung. Taurin wird dann u.a. durch Darmbakterien zu Sulfat abgebaut und kann somit von der Katze nicht mehr genutzt werden. Auch der Faser- und Fettanteil von Feuchtfutter soll den Taurinstoffwechsel beeinflussen können, zu einer Veränderung der Darmbakterien und dadurch zu einer verstärkten Ausscheidung von Taurocholsäure führen. Untersuchungen an Hunden und Katzen, die Futter auf Lamm- und/oder Reis(kleie)basis erhielten, d.h. stark faser- und fetthaltige Nahrung zu sich nahmen, zeigten ein Taurindefizit bei den Tieren.

Der Tauringehalt in Katzenfuttersorten (Beispiel Nassfutter) variiert sehr stark: Einigen Sorten werden zusätzlich zwischen 150 mg und 2 g Taurin pro kg Futter hinzugefügt, andere Nassfuttersorten sind hingegen überhaupt nicht Taurin supplementiert. In diesem Fall wird von einer bedarfsdeckenden Taurinkonzentration im verarbeiteten Fleisch ausgegangen, zu dem auch taurinreiche Innereien wie z.B. Herz und die stark schadstoffbelastete Leber zählen. In vielen Futtersorten ist das angegebene Taurin mengenmässig nicht näher deklariert.

Um hier etwas Licht ins Dunkel zu bringen, nehmen wir die natürliche Ernährung von Wildkatzen als Ausgangsüberlegung: Wildkatzen fressen hauptsächlich Nagetiere, insbesondere Mäuse, und Vögel. Einen Vogel zu erbeuten, erfordert vergleichsweise einen erheblich höheren Energieaufwand, daher liegt ihr Schwerpunkt in Mäusemahlzeiten!

Eine Wildkatze mit einem Gewicht zwischen 5 und 7 kg frisst mindestens 10 Mäuse am Tag. Eine Maus wiegt durchschnittlich 25 bis 30 g und weist einen Tauringehalt von ca. 240 mg/100 g Körpergewicht auf. Umgerechnet nimmt eine Katze mit einer Mindestration von 10 Mäusen ca. 600 bis 800 mg Taurin täglich auf. Man könnte aufgrund dieser Zahlen von ca. 120 mg Mindesttaurinbedarf pro kg Körpergewicht der Katzen ausgehen. Für eine 4 bis 4,5 kg schwere Hauskatze ermitteln wir demnach einen täglichen Taurinbedarf von ungefähr 500 bis 550 mg – wohlgemerkt als Mindestbedarf. Wildkatzen können auch 15 Mäuse pro Tag fressen!

Schauen wir uns nun den ungefähren Tauringehalt im Katzenfutter am Beispiel des Dosenfutters an: Etliche Katzenfuttersorten werden, wie bereits erwähnt, überhaupt nicht Taurin supplementiert. Meist wird dann ein Tauringehalt von 0,5 mg pro 1000 kcal Energiegehalt im Futter zugrunde gelegt (0,25 mg pro 1000 kcal bei Trockenfutter). Eine Katze benötigt ca. 300 kcal pro Tag, d.h. sie nimmt auf diesem Weg ungefähr 170 mg Taurin auf. Im Vergleich zu unserer Wildkatze eindeutig zu wenig! Die dreifache Taurinmenge im Futter wäre vermutlich notwendig, um eine Hauskatze mit durchschnittlichem Körpergewicht bei täglicher Futteraufnahme von ca. 300 g ausreichend mit Taurin zu versorgen. Bei hochwertigen Katzenfuttersorten mit hohem Fleischanteil und dementsprechend deutlich niedrigeren Fütterungsempfehlungen liegen infolgedessen wesentlich höhere Taurinsupplementierungen (bis 2 g/kg Futter) vor. Laut Empfehlungen der AAFCO (Verband amerikanischer Kontrollbehörden für Futtermittel) muss trockengepresstes Katzenfutter ca. 1g Taurin/kg Futter, Feuchtfutter dagegen bis zu 2,5g Taurin/kg Futter enthalten, um den Taurinbedarf der Katzen zu decken.

Jeder Katzenhalter kann nun selbst schlussfolgern…

Das dem Katzenfutter – und auch Lebensmitteln für den menschlichen Verzehr und Medikamenten – zugesetzte künstliche Taurin wird aus den Rohstoffen Ethen, Ammoniak und Natriumsulfit synthetisiert. Über die Verwertbarkeit dieses künstlichen Taurins gibt es keine verlässlichen Studien!

Katzen sind offenbar bei ausschließlich kommerzieller Fütterung nicht ausreichend mit Taurin versorgt. Ausnahmen bilden wohl Mäuse jagende Freigänger. Auch das regelmäßige Verfüttern von Hundefutter an Katzen kann eine Taurinunterversorgung provozieren.

Aus diesem Grund stellt Rohfleischfütterung die artgerechte Ernährungsform dar: Das im nicht erhitzten Fleisch enthaltene Taurin wird optimal verwertet. Zusätzliche Taurinergänzung ist unbedingt erforderlich und kann – wie beim Hund – z.B. über Hühnerherzen erfolgen.

Taurinmangel kann bei Katzen (im Übrigen in der gesamten Gattung “Felidae”, d.h. auch bei Löwen und Tigern) zur Retinadegeneration bzw. in späteren Stadien zur irreversiblen Erblindung führen.

Taurinarme Nahrung ist bei Katzen nachweislich der Grund für die Entstehung der dilatativen Kardiomyopathie (nachgewiesen in den späten 1980er Jahren). Auch Störungen der Fortpflanzungsfähigkeit, verzögertes Wachstum und Entwicklungsanomalien bei jungen Katzen sowie Störungen des Immunsystems und nervöse Reizbarkeit werden beschrieben.

Bei Hunden wurde bis in die 1990er Jahre davon ausgegangen, dass deren Fähigkeit zur Eigensynthese von Taurin für ihre Bedarfsdeckung ausreichte. Eine Taurinsupplementierung mit dem Futter erschien daher nicht notwendig. Seither durchgeführte Studien (von denen es allerdings nicht allzu viele gibt) bzgl. des Zusammenhangs von Taurinmangel und dem gehäuften Auftreten der DCM bei Hunden (10 bis 20% der Hunde leiden an Herzerkrankungen) legen die Vermutung nahe, dass Taurinmangel die Entwicklung dieser Herzerkrankung begünstigt. Wie aus den meisten Studien hervorgeht, sind offenbar nicht nur großwüchsige Hunde wie Bernhardiner, Golden und Labrador Retriever oder English Setter betroffen, sondern auch kleine Rassehunde wie American Cocker Spaniel, Scottish Terrier oder Border Collie. Endgültige Sicherheit hinsichtlich dieser Zusammenhänge herrscht in der Forschung allerdings nicht.

Die beim Hund beschriebenen Erkrankungssymptome eines Taurinmangels beschränken sich – im Gegensatz zur Vielzahl dargestellter Symptome bei Katzen – auf die Entwicklung der dilatativen Kardiomyopathie.

Beim Menschen wird zudem eine häufig auftretende Hautkrankheit, die Psoriasis, in Zusammenhang mit zu niedrigem Taurinspiegel im Organismus gesehen – auch Hunde leiden oft an Hauterkrankungen und Juckreiz! Genauere Erkenntnisse liegen jedoch nicht vor.

Es werden neben fütterungsbedingten auch anderweitige Gründe für einen Taurinmangel beim Hund angedacht: Mangelnde Absorption von Taurin aufgrund von Darmerkrankungen (Dysbalance der Darmflora), Störung der Gallensäure-Konjugation (Taurin wird im “Notfall” nicht durch Glyzin ersetzt) oder die erhöhte Exkretion von Taurin durch die Nieren.

Wäre der Taurinbedarf der Hunde grundsätzlich ausreichend gedeckt, wie sollte man sich als Tierhalter dann die Begeisterung vieler Hunde erklären, mit der diese sich auf Katzenfutter stürzen? Der einzige wesentliche Unterschied ist die Taurinergänzung der Katzennahrung!

Fazit

Hunden sollte sowohl bei Rohfütterung als auch bei Ernährung mit kommerziellem Hundefutter prinzipiell Taurin zugefüttert werden. Die meisten im Handel angebotenen Hundefuttersorten sind nämlich nicht Taurin supplementiert! Hierfür eignen sich wiederum hervorragend die taurinreichen Hühnerherzen. Zwei- bis dreimal pro Woche gefüttert, sollte der Taurinbedarf des Hundes gedeckt sein. Auch das Bestäuben des Futters mit Grünlippmuschelpulver (sehr hoher natürlicher Tauringehalt) wäre sinnvoll.

Ab ungefähr dem Jahr 2004 versiegt übrigens die Zahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen zu dem Thema “Taurinmangel als mögliche Ursache der DCM”. Lässt sich eventuell mit aufwendiger Forschung an Herzerkrankungen bei Hunden, entsprechender Medikamentenverabreichung, operativen Eingriffen und Verunsicherung des Tierhalters (diese Erkrankung kann immerhin tödlich sein) deutlich mehr Geld verdienen als mit Taurinsupplementierung über das Futter?